Ruhe vor dem Turm
2005/11/12 17:25
Pressemeldung von:
diepresse.com
VON RENÉE LUGSCHITZ (Schaufenster) 11.11.2005 Im Collio in Friaul soll die Moderne anbrechen. Ein bisschen wenigstens. Der erste Golfplatz wird neue Gäste aus der ganzen Welt bringen. Die alten Liebhaber der Weinregion werden sich beim Essen und Trinken aber nicht stören lassen.
Das Collio ist ein norditalienisches Schlaraffien.
Die hilfsbereite Kellnerin im Wirtshaus beim Spessa ist sich nicht ganz sicher. Sechzehn oder gar siebzehn Löcher werde der Golfplatz haben, der neben Schloss Spessa bei Capriva del Friuli angelegt wird. Eine Rückfrage in der
Das Collio ist ein norditalienisches Schlaraffien.
Die hilfsbereite Kellnerin im Wirtshaus beim Spessa ist sich nicht ganz sicher. Sechzehn oder gar siebzehn Löcher werde der Golfplatz haben, der neben Schloss Spessa bei Capriva del Friuli angelegt wird. Eine Rückfrage in der
Küche bringt Aufklärung: 18 Löcher.
Pasta und Pinot statt Birdie und Bogie: Mit großem Vergnügen und Selbstbewusstsein erklärt dieselbe cameriera in der „Tavernetta al Castello“ Details zu den Tagesspezialitäten und empfiehlt ohne Zögern die passende Flasche aus der langen lista dei vini. Noch sind die Menschen im friulanischen Collio mit althergebrachten schönen Dingen des Lebens wie Wein und guter Küche weit vertrauter als mit neuer Freizeitkultur.
Besucher finden in dieser alten Weinregion Agrartourismus de luxe: Weine, die zu den besten der Welt zählen, Speisen, denen kaum zu widerstehen ist – egal, ob scheinbar schlichte Pasta mit Ricotta, Hirschstrudel und Rehragout von Wild aus den heimischen Wäldern, oder kunstvolle Kuchen mit Birnen, Kirschen oder Holler aus den umliegenden Obstgärten – und Herbergen, ohne
Pasta und Pinot statt Birdie und Bogie: Mit großem Vergnügen und Selbstbewusstsein erklärt dieselbe cameriera in der „Tavernetta al Castello“ Details zu den Tagesspezialitäten und empfiehlt ohne Zögern die passende Flasche aus der langen lista dei vini. Noch sind die Menschen im friulanischen Collio mit althergebrachten schönen Dingen des Lebens wie Wein und guter Küche weit vertrauter als mit neuer Freizeitkultur.
Besucher finden in dieser alten Weinregion Agrartourismus de luxe: Weine, die zu den besten der Welt zählen, Speisen, denen kaum zu widerstehen ist – egal, ob scheinbar schlichte Pasta mit Ricotta, Hirschstrudel und Rehragout von Wild aus den heimischen Wäldern, oder kunstvolle Kuchen mit Birnen, Kirschen oder Holler aus den umliegenden Obstgärten – und Herbergen, ohne
Wellness-Oasen, aber mit großzügiger Gastfreundlichkeit, viel Platz und Ruhe. Gasthöfe wie die Tavernetta oder das wenige Kilometer entfernte Baita, das Il Giardinetto in Cormons und viele, viele andere bestechen nicht durch pittoreske Rückständigkeit in der italienischen Provinz, sondern durch den sorgfältigen, höchst zeitgemäßen Umgang mit den Produkten des eigenen Bodens.
Vorab ein Gläschen Spumante.
Im Spätsommer, kurz vor der geplanten Eröffnung des ersten Golfplatzes der Region, deutet in der Schlosstaverne wenig darauf hin, dass demnächst rundum kaufkräftiges Publikum Golfbälle schlagen und eine neue Ära in Sachen Tourismus anbrechen soll. An den zwei besetzten Tischen werden in aller Gemächlichkeit Pasta mit Pilzen und Perlhühner mit Melanzani serviert. Vorab ein Gläschen Spumante, zum Essen ein Fläschchen Tocai vom dazugehörigen Weingut La Boatina.
Vor dem Garten der Tavernetta liegt eine mittelgroße Baustelle brach, das neue Hotel. Dahinter der Golfplatz, fast fertig. Und daneben, auf einer kleinen Anhöhe, das Schloss Spessa. Von seinen Türmen und Zinnen aus lassen sich keine Heerscharen erspähen, weder feindliche noch touristische. Um Schloss Spessa herrscht Ruhe.
Vor etwa 120 Jahren wurde das jahrhundertealte Anwesen „für die schickliche Gastlichkeit“ hergerichtet. Das Hotel für moderne, schicke Gastlichkeit soll noch heuer ein bisschen unterhalb vom Schloss eröffnet werden: der Golf & Country Club Gorizia Castello di Spessa. Auf ein genaues Datum wollten sich die Betreiber aber nicht festlegen.
Ein erster großer Schritt in Richtung mondäner Tourismus wird damit getan werden.
Er wird auf absehbare Zeit der einzige bleiben. Selbst kleine Schritte in Richtung Professionalität und Effizienz brauchen hier ihre Zeit. So bekommen Besucher, die mehr Informationen zur Idylle Spessa suchen, einen hübsch gestalteten Folder mit Verweis auf Websites für Schloss, Taverne und Weingut in die Hand. Die ersten beiden Homepages existieren nicht, auf der angeblichen Weinsite werden ausschließlich Autos verkauft.
Solch kleine Hoppalas machen die Region des Collio umso liebenswerter. Denn eigentlich fehlt es ja an nichts, es ist alles schon da. Das Wesentliche seit Jahrtausenden: die Weinberge. Schon bevor die Römer in die Hügellandschaft beim Isonzo kamen, wurde hier Wein gekeltert. Heute umfasst der Collio – „Hügel“ – im Norden der Provinz Görz 1600 Hektar Weinanbaugebiet. Verschlafen wirkende Ortschaften wie Cormons, Dolegna del Collio oder Capriva del Friuli haben sich mit ihren Weißweinen weltweit einen großen Namen gemacht. Pinot Grigio, Tocai Friulano und Sauvignon Blanc locken seit Jahren Gäste aus aller Welt ins italienisch-slowenische Grenzland.
Am schönsten lässt es sich im La Subida bei Cormons mit seinem vielfach ausgezeichneten Restaurant genießen. Wer sich für einen Aufenthalt in einem der kleinen Häuschen im großen Garten des La Subida entscheidet, kann unbesorgt den Herrlichkeiten im Restaurant frönen (das Auto bleibt stehen), Ausflüge zu Pferd, am Rad oder zu Fuß unternehmen, oder einfach nur in aller Ruhe am Pool lagern.
Vino della Pace.
Diese Ruhe haben sich die Bewohner des Collio hart erkämpfen müssen. Im Grenzland von Italien und Slowenien gelegen, war die Region über Jahrhunderte umstritten – zwischen dem Patriarchen von Aquileia und dem Grafen von Görz, später zwischen Venedig und Österreich-Ungarn. Der Frieden ist bis heute nicht selbstverständlich. Im Mai wird alljährlich der „Vino della Pace“ präsentiert. Frieden wie Wein wird in der Folge mit Festen gehuldigt. Besonders schön am Hauptplatz von Cormons. Der Platz ist gesäumt von Cafés und der Weinstube Enoteca di Cormons. Touristen wie Einheimische kosten sich dort glasweise durch die Winzer des Collio – von Aita Boris bis Zorzon. Von den Tischen im Freien aus haben sie Sicht auf ein altes, längst geschlossenes Örtchen gegenüber, die Latrine Publicche. Links der Enoteca steht im Sommer die Bühne für das Festival „Jazz & Wine of Peace“. Kubanischer Jazz, friulanischer Wein und mediterrane Temperaturen. Ergibt in Summe Harmonie am Hügel. Im Herbst geht es mit Jazz und Wein drinnen weiter, so Ende Oktober im Stadttheater und anderen Veranstaltungsorten. Die Zeit, als das Collio zu Österreich gehörte, gilt im Weinland bis heute als Blütezeit. Die Winzer freuten sich über den riesigen Absatzmarkt in Österreich-Ungarn und brachten es zu einigem Wohlstand. Im 19. Jahrhundert schickten sie regelmäßig Pferdegespanne mit großen Weinfässern Richtung Wien.
Die einstigen Landsleute erinnerten sich erst Ende des 20. Jahrhunderts wieder an das Collio und seine Hauptstadt Cormons. In den 90er- Jahren war es plötzlich trendy, mal schnell, ganz spontan, eine Landpartie ins Friaul zu machen und ganz genüsslich ein Wochenende im La Subida, Il Giardinetto oder Felcaro zu verbringen. Aus einem Geheimtipp wurde ein Modeziel und dann fast wieder ein Geheimtipp. Warum? Vielleicht, weil die Steiermark doch näher liegt. Und das Collio italienischer ist. Fast überraschend italienisch manchmal. Die erste Fremdsprache ist hier nicht mehr Deutsch, sondern Englisch. Trotzdem finden auch Nostalgiker Anlass zur Freude. Das Dorf Giassico begeht jedes Jahr im August den Geburtstag von Kaiser Franz Josef mit einem großen Fest. In den Zimmern des La Subida hängt sein Porträt. Und das Hotel Felcaro veranstaltet zu Franz Josefs Ehren Maskenbälle. Für Freunde kaiserlicher Manier und höfischer Panier das nächste Mal am 25. Februar 2006.
Vorab ein Gläschen Spumante.
Im Spätsommer, kurz vor der geplanten Eröffnung des ersten Golfplatzes der Region, deutet in der Schlosstaverne wenig darauf hin, dass demnächst rundum kaufkräftiges Publikum Golfbälle schlagen und eine neue Ära in Sachen Tourismus anbrechen soll. An den zwei besetzten Tischen werden in aller Gemächlichkeit Pasta mit Pilzen und Perlhühner mit Melanzani serviert. Vorab ein Gläschen Spumante, zum Essen ein Fläschchen Tocai vom dazugehörigen Weingut La Boatina.
Vor dem Garten der Tavernetta liegt eine mittelgroße Baustelle brach, das neue Hotel. Dahinter der Golfplatz, fast fertig. Und daneben, auf einer kleinen Anhöhe, das Schloss Spessa. Von seinen Türmen und Zinnen aus lassen sich keine Heerscharen erspähen, weder feindliche noch touristische. Um Schloss Spessa herrscht Ruhe.
Vor etwa 120 Jahren wurde das jahrhundertealte Anwesen „für die schickliche Gastlichkeit“ hergerichtet. Das Hotel für moderne, schicke Gastlichkeit soll noch heuer ein bisschen unterhalb vom Schloss eröffnet werden: der Golf & Country Club Gorizia Castello di Spessa. Auf ein genaues Datum wollten sich die Betreiber aber nicht festlegen.
Ein erster großer Schritt in Richtung mondäner Tourismus wird damit getan werden.
Er wird auf absehbare Zeit der einzige bleiben. Selbst kleine Schritte in Richtung Professionalität und Effizienz brauchen hier ihre Zeit. So bekommen Besucher, die mehr Informationen zur Idylle Spessa suchen, einen hübsch gestalteten Folder mit Verweis auf Websites für Schloss, Taverne und Weingut in die Hand. Die ersten beiden Homepages existieren nicht, auf der angeblichen Weinsite werden ausschließlich Autos verkauft.
Solch kleine Hoppalas machen die Region des Collio umso liebenswerter. Denn eigentlich fehlt es ja an nichts, es ist alles schon da. Das Wesentliche seit Jahrtausenden: die Weinberge. Schon bevor die Römer in die Hügellandschaft beim Isonzo kamen, wurde hier Wein gekeltert. Heute umfasst der Collio – „Hügel“ – im Norden der Provinz Görz 1600 Hektar Weinanbaugebiet. Verschlafen wirkende Ortschaften wie Cormons, Dolegna del Collio oder Capriva del Friuli haben sich mit ihren Weißweinen weltweit einen großen Namen gemacht. Pinot Grigio, Tocai Friulano und Sauvignon Blanc locken seit Jahren Gäste aus aller Welt ins italienisch-slowenische Grenzland.
Am schönsten lässt es sich im La Subida bei Cormons mit seinem vielfach ausgezeichneten Restaurant genießen. Wer sich für einen Aufenthalt in einem der kleinen Häuschen im großen Garten des La Subida entscheidet, kann unbesorgt den Herrlichkeiten im Restaurant frönen (das Auto bleibt stehen), Ausflüge zu Pferd, am Rad oder zu Fuß unternehmen, oder einfach nur in aller Ruhe am Pool lagern.
Vino della Pace.
Diese Ruhe haben sich die Bewohner des Collio hart erkämpfen müssen. Im Grenzland von Italien und Slowenien gelegen, war die Region über Jahrhunderte umstritten – zwischen dem Patriarchen von Aquileia und dem Grafen von Görz, später zwischen Venedig und Österreich-Ungarn. Der Frieden ist bis heute nicht selbstverständlich. Im Mai wird alljährlich der „Vino della Pace“ präsentiert. Frieden wie Wein wird in der Folge mit Festen gehuldigt. Besonders schön am Hauptplatz von Cormons. Der Platz ist gesäumt von Cafés und der Weinstube Enoteca di Cormons. Touristen wie Einheimische kosten sich dort glasweise durch die Winzer des Collio – von Aita Boris bis Zorzon. Von den Tischen im Freien aus haben sie Sicht auf ein altes, längst geschlossenes Örtchen gegenüber, die Latrine Publicche. Links der Enoteca steht im Sommer die Bühne für das Festival „Jazz & Wine of Peace“. Kubanischer Jazz, friulanischer Wein und mediterrane Temperaturen. Ergibt in Summe Harmonie am Hügel. Im Herbst geht es mit Jazz und Wein drinnen weiter, so Ende Oktober im Stadttheater und anderen Veranstaltungsorten. Die Zeit, als das Collio zu Österreich gehörte, gilt im Weinland bis heute als Blütezeit. Die Winzer freuten sich über den riesigen Absatzmarkt in Österreich-Ungarn und brachten es zu einigem Wohlstand. Im 19. Jahrhundert schickten sie regelmäßig Pferdegespanne mit großen Weinfässern Richtung Wien.
Die einstigen Landsleute erinnerten sich erst Ende des 20. Jahrhunderts wieder an das Collio und seine Hauptstadt Cormons. In den 90er- Jahren war es plötzlich trendy, mal schnell, ganz spontan, eine Landpartie ins Friaul zu machen und ganz genüsslich ein Wochenende im La Subida, Il Giardinetto oder Felcaro zu verbringen. Aus einem Geheimtipp wurde ein Modeziel und dann fast wieder ein Geheimtipp. Warum? Vielleicht, weil die Steiermark doch näher liegt. Und das Collio italienischer ist. Fast überraschend italienisch manchmal. Die erste Fremdsprache ist hier nicht mehr Deutsch, sondern Englisch. Trotzdem finden auch Nostalgiker Anlass zur Freude. Das Dorf Giassico begeht jedes Jahr im August den Geburtstag von Kaiser Franz Josef mit einem großen Fest. In den Zimmern des La Subida hängt sein Porträt. Und das Hotel Felcaro veranstaltet zu Franz Josefs Ehren Maskenbälle. Für Freunde kaiserlicher Manier und höfischer Panier das nächste Mal am 25. Februar 2006.
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