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«Mondovino»: Wein im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit

2005/09/23 04:54
Pressemeldung von:
Zisch Zentralschweiz online

Jonathan Nossiter, Kosmopolit, Geniesser, Revoluzzer, Regisseur und Sommelier, erfasst das Treiben im globalisierten Weingeschäft mit viel Humor. Über vier Jahre hat er in acht Ländern und auf drei Kontinenten Meinungen von ganz unterschiedlich betuchten Vertretern aus der Weinbranche gesammelt. Die Ergebnisse sind ein wahrer Genuss philosophischer Art. Seine Kameraarbeit ist ironisierend und interessiert sich für die Geschehnisse hinter, neben und unter seinen oft hoch angesehenen und mächtigen Interviewpartnern.
Über vier Jahre hat Jonathan Nossiter in acht Ländern und auf drei
Kontinenten Meinungen von ganz unterschiedlich betuchten Vertretern aus der Weinbranche gesammelt - vom schollenverbundenen, mausarmen Weinbauer in Südamerika bis zu den Adelshäuser Europas - ursprünglich für eine Dokumentar-Serie fürs Fernsehen. Die etwas überlange Kinoversion seiner Ergebnisse ist ein wahrer Genuss philosophischer Art im Umfang des Wirkens einer guten Flasche Wein.

Inhaltlich alles gleich?
Noch sind die Protagonisten des Geschäfts nicht alle in einen Topf zu werfen: Da trifft man auf die klingenden Namen europäischer Weinfamilien wie Frescobaldi, Antinori und Rothschild, heute alle am Gängelband der Mondavis aus Kalifornien, die das Fehlen von Geschichte mit gekauftem Stil und einem Traditionswahn aufwiegen. Und es gibt immer noch die resistenten Gallier - Aimé Guibert im Languedoc und Hubert De Montille im Burgund - die zu allem bereit sind,
um zu verhindern, was sich immer mehr abzeichnet, und sei es, dass man deshalb einen kommunistischen Bürgermeister wählt.

Immer wieder fällt das Wort «terroir», jener schillernde Begriff, der umschreibt, dass jeder Anbauort einzigartig ist und dem darauf entstehenden Wein ein unverwechselbare Aura verleiht. Eine Farce heute: Wein unterscheidet sich nur noch in seiner Verpackung. Inhaltlich dominiert überall die gleiche Geschmacksästhetik.

Drei Spielmacher
Nossiters Fazit: Die modernen Götter des Weins präsentieren sich in einer heiligen Dreifaltigkeit - die Ähnlichkeit zum Filmgeschäft ist frappant. Ein charismatischer Berater aus Frankreich, Michel Rolland, der seine gut zahlenden Kunden mit dem ominösen Wort «oxygéner» einseift, sein Freund Robert Parker von der Weinfachzeitschrift «Wine Spectator» und die kalifornische Grossweinbauer-Familie Mondavi, bestimmen, was zu gefallen hat - nämlich eine weltweite «Napaisierung» der Rebberge, ganz unter der Knute von US-amerikanischen Visionen.

Doch der Autor dieses Essayfilms verweilt nicht auf der banalen Schlussfolgerung, dass Marketing die meist gelebte Religion der Welt sei. Der polyglotte Nossiter hat unverkennbar den Blick eines Vielgereisten, dessen Nationalität absolut sekundär ist und sich ganz offensichtlich für das Urmenschliche in allem interessiert.

Ironisierende Kamera
Seine DV-Kameraarbeit ist nervenaufreibend und auf eine raffinierte Art ironisierend und enthüllend. So interessiert er sich für die Geschehnisse hinter, neben und unter seinen oft hoch angesehenen und mächtigen Interviewpartnern, vergönnt ihnen den Fokus der Linse und beschneidet ihre werte physische Erscheinung bizarr. Den Weinmenschen aus Tradition und Geschichte nässt er auf diese Weise ebenso das Hosenbein wie dem Geldadel - mit einer dreisten Offenheit, doch niemals Partei ergreifend oder herablassend.

Was die Weinmacher dieser Welt zu verbinden scheint, so vermittelt Nossiter in seinem Bilderregen ausserdem, ist eine Leidenschaft für Hunde. Die animalischen Balzereien ihrer geliebten Vierbeiner aller Rassen liefern denn auch das treffende Bild für das Tun in der Branche. «Globalisierung» ist ein gewichtiges, moderndes Wort - die Instinkte, die da spielen, sind jedoch an keine Zeit gebunden.

Andrea Bleuler

Regie: Jonathan Nossiter
Darsteller: -
Produktion: Frankreich, 2003
Bewertung: 5 von 5 Sternen
Web: www.mondovino-lefilm.com


Kontakt:
web: http://www.zisch.ch/navigation/top_main_nav/FUN_FREIZEIT/Kino/Filmkritik/detail.htm?client_request_contentOID=47659
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