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Goldener Wein im "Über-Fluss"

2005/09/10 20:25
Pressemeldung von:
Main Spitze

AKK-Kulturtage: Lesung mit Gisela Winterling

Vom 09.09.2005

nfl. KOSTHEIM "Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele" - ein Hauch von Pablo Picasso säuselte durch die Baumwipfel im Klärwerk, wo viele Kunstinteressierte zur Lesung der Kostheimer Autorin Gisela Winterling gekommen waren. Peter Kaufmann, Mitglied des Klärwerks, ließ die Sentenz des Malers als Vorwort in das sprachliche Kunst-Werk Winterlings einfließen: "Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär'."

Einprägsam intonierte Bardo Frosch das bekannte Stimmungslied, um mit atonalen
Einsätzen das Publikum auf wundersame Weise zu verwirren. So wandelt die Germanistin mit hausgemachtem Zungenschlag auf den Spuren des mit edlen Tropfen durchtränkten Konjunktivs: "Was wäre, wenn das Wasser im Rhein tatsächlich goldner Wein wäre?" In ihrer Geschichte vermittelt ein Kostheimer seinem Freund diese weinselige Vision, wenn auch nur im Traum, "den mer awwer ernst nehme muss". Und so erscheinen die im Schlaf auftretenden rebenumrankten Bilder als Botschaft für den Träumer, der schon immer das "Wunner von Kanaa fürs schönste von dene ganze Wunner gehalte hat".

Freundschaft verbindet - und so lässt der traumaktive Klärwerksarbeiter auch seinen Kumpan auf der önologischen Entdeckungsreise teilhaben. Allerdings muss alles "erst emol der Reih nach erzählt wer'n". Und selbstverständlich spielt der Erfinder des Traums auch die Hauptrolle. Nur kurzweilig treten da
beim Freund Zweifel hinsichtlich des in der Hochsprache übermittelten authentischen Erlebnisses auf, denn der Erzähler ist in Kostheim natürlich "mehrsprachig uffgewachse". Während mittlerweile beim Johannisfest Gott Bacchus gefrönt wird, muss der Protagonist im Klärwerk Dienst tun. Beim Kontrollgang um Mitternacht strömt unvermittelt Rheinwasser in das Becken, was den Freund irritiert: "Da haste höchstens Maawasser."

Auch der geneigte Leser spürt die vermeintliche "Über-Fluss-Handlung", doch im Traum ist alles möglich. Über die plötzliche Eintrübung des Wassers darf anschließend derb-kräftig diskutiert werden. Letztendlich muss sein Betrachter angesichts rapsölgelben Aussehens und des würzig- duftenden Geruchs an seinen geliebten Schoppen denken. Kein Zweifel: Die Flüssigkeit im Becken ist goldener Wein. Freilich, die Geschichte ist nur ein Traum. Doch nicht ganz: Die von Gisela Winterling selbst etikettierte Flasche lässt auf einen realen Inhalt schließen: Das Weinwunder 2005 darf verkostet werden, denn "wenn mer´s nit probiert, waas mer´s halt nit".


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