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Fruchtsaft von guten Menschen

2005/11/24 05:29
Pressemeldung von:
berlinonline.de

Das Weinbuch des jungen Londoner Sommeliers Matt Skinner wendet sich an Laien - Cornelia Geissler -
BERLIN. Die Deutschen werden vernünftiger. Der Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure meldet, dass der Pro-Kopf-Verbrauch von Alkohol im Jahr 2004 gegenüber dem Vorjahr um 1,8 Liter zurückgegangen sei. Nur beim Wein hätten die Bundesbürger ein bisschen (um 0,3 Liter) zugelegt. So genehmigt sich der Durchschnittsdeutsche 20,1 Liter Wein im Jahr. Was ja eigentlich wenig ist, wenn man bedenkt, wie viele Tage so ein Jahr hat. Dennoch ist Deutschland weltweit der
drittgrößte Verbrauchermarkt für Wein.

Durstige Arbeit

Matt Skinner wird das recht sein. Denn gerade ist sein erstes Wein-Buch auf Deutsch erschienen. "Wein ist Fruchtsaft für Erwachsene" fängt es an, das kann man sogar schon auf der Titelseite lesen. Matt Skinner, Jahrgang 1975, kommt aus Australien und eigentlich vom Surfen und ist heute der Weinfachmann des umtriebigen Kochs Jamie Oliver. Weil sich Jamie Olivers Bücher hier zu Lande gut verkaufen, hofft natürlich auch sein Kumpel auf Erfolg. Und der Verlag erst! Mit der Wahl des Titels hat er sich schon viel Mühe gegeben. "Thirsty Work", also "Durstige Arbeit" heißt das Buch im Original, was auf Deutsch nicht sehr intelligent klingt. Der Verlag Gräfe und Unzer entschied sich also gegen die Übersetzung und cool für einen anderen englischen Titel: "Wein - just a drink" heißt das Buch nun und nicht
"Wein, einfach was zum Trinken". Obwohl das auch zu Matt Skinner passen würde, der sich demonstrativ leger gibt

In Jamie Olivers Londoner Restaurant "Fifteen", wo arbeitslose Jugendliche kochen, erklärt Skinner diesen jungen Menschen, die vielleicht noch nie zuvor eine Flasche entkorkt haben, den Reiz des Weins. Er hat ihn schließlich selbst auch nur durch Kosten und Befragen von Fachleuten nach und nach für sich entdeckt. Und weil ihm damals die Welt der Weinkenner als ein elitärer Zirkel erschien, will er nun alle an die Hand nehmen, die auch dieses Problem mit dem Image haben. Das ist verdienstvoll. Für Unerfahrene kann es schon peinlich sein, wenn sie vom Kellner mit Trauben, Weingütern und Jahrgängen konfrontiert werden und womöglich vor Gästen eine Auswahl treffen sollen.

Aber selbst wenn man auf dem Gebiet Nachholbedarf hat und sich so manches Mal über die geheimniskrämerischen Beschreibungen von Weinexperten geärgert hat: So richtig ernst genommen fühlt man sich bei Matt Skinner dann doch nicht. Der Autor springt durch die Jahrhunderte wie durch die Regionen, er verwendet eine schnoddrige Sprache, die zwar jugendgemäß sein mag, aber über Geschmack nicht sehr viel sagt. Negroamaro in Süditalien zum Beispiel "markiert den knallharten Typ mit Sonnenbrille", Sangiovese, eine ebenfalls italienische Traube, nennt Skinner "eindeutig Robert de Niro!" und der im Elsass und in Süddeutschland beliebte Gewürztraminer erscheint in diesem Buch als "Transvestit im schrillen Fummel, auf Stöckelschuhen, immer mit zu viel Make-up". Lernt man daraus etwas? Vielleicht, dass Geschmack doch auch mit Bildung zu tun hat und man nicht alles mit allem vergleichen kann.

Gewerkschaftlich trinken

Auffällig an dem Buch sind auch die vielen, vielen Fotos von Chris Terry. Der Fotograf, der sonst in der "Times" und in "Elle" veröffentlicht, reiste um die Weinwelt nicht, um Flaschen und Gläser abzulichten, sondern Menschen. Sie haben alle irgendwie mit dem Getränk zu tun: als Winzer oder Lagerarbeiter, als Verkäufer oder Manager im Weinberg, als Weingutbesitzer oder Kritiker. Die Bilder sehen nicht nur gut aus, sie passen zum Buch. Denn verfasst hat es ein Mensch von sehr demokratischer Gesinnung. In dem Kapitel, das zu den Grundlagen des Getränks führt, schreibt er folgendes Horrorszenario herbei: "Am schlimmsten an einer Welt ohne Trauben aber wäre, dass Hunderttausende von Leuten aus allen Gesellschaftsschichten niemals diese großartige Arbeit verrichten könnten, die sie in der Weinindustrie jeden Tag tun." Dies bleibt nicht das einzige Mal, da er auf die guten Menschen im guten Dienst verweist. Beim Trinken wird einem ganz gewerkschaftlich zu Mute.

Insofern befreit Skinner den Wein wirklich vom Geschmack des Elitären. Doch fragt man sich, ob das in Deutschland, wo der meiste Wein nicht beim Fachhändler, sondern im Supermarkt gekauft wird, überhaupt so notwendig ist.


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