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Brüsseler Wein-Krampf

2005/11/27 10:27
Pressemeldung von:
merkur.de

Wasser, Holzspäne und Aromastoffe: Ein neues Abkommen erlaubt US-Winzern Manipulationen, die europäischen Kollegen verboten sind. THOMAS SCHWITALLA Wie ein Auszug aus Dr. Frankensteins Gruselkabinett liest sich die Liste. Mit Aromastoffen wird dem Wein zu mehr Geschmack verholfen, mit Wasser wird er gestreckt, mit Säure frischer gemacht. In Beutel gefüllte Holzspäne verhelfen ihm zum Barrique-Geschmack. Wenn das alles nichts bringt, werden die Weißen und Roten eben in einer Schleuderkegel-Kolonne in ihre Einzelteile – Aromastoffe, Alkohol, Wasser – zerlegt und neu kombiniert.
Irgendwann wird schon ein Getränk herauskommen, dass sich in einem Supermarkt als Wein verkaufen lässt.


So bizarr diese Verfahren auch klingen mögen – die strengen Kontrolleure der Europäischen Union, die jeden Rohmilchkäse mit Argwohn betrachten, haben nichts dagegen, dass derart manipulierte Produkte als Wein deklariert auf den EU-Markt kommen. Das neue Weinhandelsabkommen zwischen den USA und der Europäischen Union erlaubt den Amerikanern diese sonderbaren Methoden. Paraphiert ist das Vertragswerk bereits, im Dezember soll es im Ministerrat verabschiedet werden.


Dann können amerikanische Erzeuger ihre Weine nach Lust und Laune frisieren und werden dennoch nicht daran gehindert, sie in die EU zu exportieren – auf dem Flaschenetikett müssen diese Verfahren nicht einmal vermerkt werden. Sogar Wasser darf ohne Kennzeichnung in den Wein geschüttet
werden. Mit den Techniken wollen die Großerzeuger erreichen, dass ihre Produkte Jahr für Jahr gleich schmecken. Weine sollen – wie andere Getränke auch – genau auf den Geschmack der Verbraucher abgestimmt werden. Angenehmer Nebeneffekt für den Erzeuger:Ohne Mehrkosten erhöht sich die Menge. Käme dieses Produkt aus einem EU-Land, dürfte es allenfalls als „weinhaltiges Getränk“ in den Handel kommen. Und wäre damit praktisch unverkäuflich.


Vor allem der deutsche Weinbauverband hat bis zuletzt gegen das Vertragswerk gekämpft – vergeblich. „Schlecht vertreten“ fühlt sich dessen Präsident Norbert Weber. Die EU-Unterhändler, so meint er, „verstehen von der Sache nichts.“ (siehe Interview) Die hätten aus Angst, die Amerikaner könnten die EU mit anderweitigen Handelssanktionen belegen, alles durchgehen lassen. „Einer industriellen Produktion von Wein ist nun Tür und Tor geöffnet“, sagt Weber.


In der Tat dürfte der Weinbau mit dem Abkommen an einem Scheideweg stehen. Auf der einen Seite die europäischen Winzer, die auf Tradition, Herkunft und klassische Ausbauverfahren setzen. Auf der anderen Seite die Winemaker aus der Neuen Welt, für die Rebensaft nur ein Produkt ist, das sich mit möglichst viel Profit verkaufen lassen muss.


Die Einigung mit den USA wird für den weltweiten Weinbau und den Weinmarkt große Auswirkungen haben. Denn über die Meistbegünstigungsklausel der Welthandelsorganisation WTOdürfen auch andere Länder die umstrittenen Verfahren einsetzen und ihre Weine ohne besondere Kennzeichnung nach Europa einführen.


Natürlich setzen auch die klassischen europäischen Weinbaugebiete auf moderne Kellertechnik. Die hat dazu beigetragen, dass die Qualität der Weine derzeit so gut ist wie nie zuvor. Egal ob an der Mosel oder an der Rhône, überall wissen die Winzer mit verschiedensten Verfahren umzugehen: In den nördlichen Anbaugebieten darf dem Most Zucker beigegeben werden, um den Alkoholgehalt zu erhöhen, im Süden darf die Säure verbessert werden. Die Liste ließe sich fortsetzen.


Die neuen Verfahren stoßen freilich in eine neue Dimension vor. „Wenn Wasser in den Wein gekippt werden darf, dann ist die letzte Bastion gefallen“, sagt Reiner Wittkowski, Präsident der Internationalen Organisation für Rebe und Wein (OIV), die sich um staatenübergreifende Regelungen bemüht. Eine Organisation, aus der die USA vor ein paar Jahre ausgetreten sind.


Auch große europäische Erzeuger werden sich auf Dauer der neuen Verfahren bedienen wollen, wenn sie ihnen nur kleine Vorteile bringen. Denn die Produzenten stehen in einem extrem harten Wettbewerb mit den Weinen aus der Neuen Welt. Dabei geht es freilich nicht nur um Geschmack, sondern auch um den Preis. Für eine 0,75-Liter-Flasche zahlt der deutsche Verbraucher kaum mehr als zwei Euro, Tendenz fallend. Gut jede zweite Flasche Wein wird bereits im Discounter gekauft. Auch das ist eine Art Schreckensliste.

© Rheinischer Merkur Nr. 47, 24.11.2005


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