In vino veritas
2005/11/29 08:11
Pressemeldung von:
tagesspiegel.de
Michael Braun über Seitenwege der Gottfried-Benn-Forschung - Die Lektüre einer Weinkarte verschafft im Regelfall keine genealogischen Offenbarungen. Für ein politisch bedrängtes Dichtergenie kann jedoch die Önologie – die Wissenschaft vom Wein – durchaus entlastende Existenzbeweise erbringen. So entdeckte der politisch inkorrekte Gottfried Benn im April 1934 bei einem Besuch im Berliner Weinhaus Kempinski auf der Weinkarte den „Dürkheimer Hochbenn“. Aufgeregt vermeldete Benn diesen Fund seinem wichtigen Brieffreund und Beichtvater, dem Bremer Großkaufmann Oelze. Sein Flirt mit
den Kulturpolitikern des NS-Staats war zu diesem Zeitpunkt bereits unrühmlich zu Ende gegangen, und Benn sah sich wegen seiner Bekenntnisse zum Expressionismus immer häufiger giftigen Attacken ausgesetzt. Benns Lieblingsfeind, der Balladendichter Börries von Münchhausen, hatte den Konkurrenten in einem öffentlichen Brief als „fast reinblütigen Juden“ denunziert – und Benn erkannte sofort, „wie unser Aller bürgerliche Existenz zu schwanken anfängt, wenn unser Ariertum in Zweifel gezogen wird“. So verwandelte sich der Weintrinker für einige Monate zum Ahnenforscher in eigener Sache. In diesem Zusammenhang bat er auch den Bürgermeister des rheinpfälzischen Weinstädtchens Bad Dürkheim um Aufklärung über die „Weinlage Hochbenn“.
Auch die Benn-Forschung will in dieser önologischen Angelegenheit nicht locker lassen. Bereits im Benn-Jahr 1986, so vermerkt
Auch die Benn-Forschung will in dieser önologischen Angelegenheit nicht locker lassen. Bereits im Benn-Jahr 1986, so vermerkt
Biograf Werner Rübe, wurde anlässlich des 100. Dichter-Geburtstags auf einem Hamburger Symposion ein „Dürkheimer Hochbenn“ als Jubiläumswein kredenzt. Nun traf sich dieser Tage die Gottfried-Benn-Gesellschaft in einem Bad Dürkheimer Hotel, um am Ursprungsort der Bennschen Ahnenforschung die Spuren zu sichern. Der Germanist Joachim Dyck, eine Koryphäe der Benn-Forschung, referierte über die objektive Gefahrenlage, die sich nach den Angriffen auf den angeblich „jüdischen Mischling“ aufgetan hatte. Dyck konnte schlüssig darlegen, dass sich die Abkehr Benns vom NS-Staat bereits im Mai 1933 andeutet – was den bedrängten Dichter nicht davon abhielt, immer mal wieder die Hilfe des bekennenden Nazis Hanns Johst, seines Zeichens Vorsitzender der „Reichsschrifttumskammer“, in Anspruch zu nehmen.
Indes, das Rätsel um Benns Dürkheimer Ahnenforschung konnte nicht restlos gelöst werden. Denn sein Schriftwechsel mit dem Bürgermeisteramt ist nicht mehr erhalten. Der Name der Weinlage „Hochbenn“, so erläuterte jedoch das heutige Stadtoberhaupt Wolfgang Lutz, sei aus dem mittelalterlichen Namen „in den Benden“ abgeleitet. Benns Hoffnung auf ein önologisches Entlastungszeugnis wurde offenbar ernüchtert.
Indes, das Rätsel um Benns Dürkheimer Ahnenforschung konnte nicht restlos gelöst werden. Denn sein Schriftwechsel mit dem Bürgermeisteramt ist nicht mehr erhalten. Der Name der Weinlage „Hochbenn“, so erläuterte jedoch das heutige Stadtoberhaupt Wolfgang Lutz, sei aus dem mittelalterlichen Namen „in den Benden“ abgeleitet. Benns Hoffnung auf ein önologisches Entlastungszeugnis wurde offenbar ernüchtert.
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