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Jetzt ist im Keller Fingerspitzengefühl gefragt

2005/10/17 18:26
Pressemeldung von:
stimme.de

Von Anja Krezer
Wer im Kelterhaus steht, muss laut sein, um gehört zu werden. Unaufhörlich rattern die Förderbänder und transportieren Kämme und Trester nach draußen. Die Hauptlese läuft in der Winzergenossenschaft Löwenstein auf vollen Touren. Wenn alles vorbei ist, werden etwa zwei Millionen Kilo Trauben abgeliefert worden sein.









Thomas Prieschl kennt sie alle, die Wengerter, die an der Annahmestelle Schlange stehen. Ein Klick mit der Maus, dann erscheint der Name des Ablieferers auf dem Bildschirm. Jetzt muss der
WG-Mitarbeiter nur noch die Lage anklicken, von der die Trauben stammen.

Währenddessen werden mit dem Aufzug die grünen Zuber von den Anhängern gehievt und in den Trichter gekippt. Eine so genannte Schnecke transportiert die Trauben in die Abbeermaschine, wo Beeren und Kämme getrennt werden. Dann werden die Trauben gewogen. "An durchschnittlichen Tagen werden etwa 150 000 Kilo angeliefert", sagt Prieschl. Er dreht den kleinen, roten Hahn auf, füllt ein wenig Saft ins Glas und gibt ihn auf den Refraktometer, der das Mostgewicht misst.

Je nach Oechsle-Grad werden die Trauben in verschiedene Tanks gepumpt. Der Riesling, den Prieschl misst, hat 87 Grad Oechsle. "Das ist anständig - auf Kabinett-Niveau." Einer derer, die an diesem Tag lesen, ist Karl-Hermann Wagner. Wie die meisten WG-Mitarbeiter bewirtschaftet er nebenher noch Weinberge. "Die Lese ist Routine",
sagt Wagner. Kein bisschen nervöser als sonst im Jahr? Er überlegt: "Ach, ein bisschen vielleicht."

Klar - Urlaub ist jetzt für die sechs Leute tabu, die in der Annahmestelle, an den beiden Pressen oder im Keller arbeiten. Kellermeister Andreas Eisele fährt während der Hochsaison nach Feierabend nicht mal mehr ins heimische Stuttgart zurück. Er übernachtet bei der Schwiegermutter in Gemmrigheim - vor 22 oder 23 Uhr ist dieser Tage selten Schluss. Auch wenn die Abläufe jedes Jahr dieselben sind: "Man ist schon angespannt", gibt er zu. Seine Erfahrung und sein Fingerspitzengefühl sind gefragt. Jetzt kommt's drauf an: Wann wird welche Sorte gelesen? Wann sind die Trauben reif? "Die Reife hängt ja nicht allein von den Oechsle ab." Bei welcher Temperatur lässt man den Wein vergären?

Etwa 200 Tanks - von ganz klein bis ganz groß - stehen in den Kellerräumen der Löwensteiner WG. "Insgesamt ist das ein Fassungsvermögen von 4,25 Millionen Liter." Für acht, neun Monate lagert noch Wein aus vergangenen Ernten im Keller, sagt der 44-Jährige.

Eiseles derzeit wichtigste Aufgabe in der WG mit ihren 220 Mitgliedern und 170 Hektar Rebfläche: zu überwachen, ob der Zucker in Alkohol umgewandelt wird und dass keine Nebenprodukte entstehen. Jeden Jungwein probiert er mindestens einmal täglich. "So 50 bis 60 Proben kommen zusammen." Betrunken ist er dennoch nicht, schließlich schluckt er den Rebensaft nicht.

Mit einem so genannten Weinheber aus Glas, den er zum Mund führt, zieht der Kellermeister einen Schluck Chardonnay aus einem Barrique-Fass. "Er hat schon ein gewisses Holz-Aroma." Eisele ist zufrieden mit dem Tröpfchen, das ein edles zu werden verspricht.

Ein sehr schneller Herbst sei er, der 2005er. "Es gibt einen gewissen Fäulnisdruck." Die Qualität fällt in etwa wie 2004 aus, schätzt Eisele - "also ganz ordentlich".










15.10.2005 00:00


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