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Poysdorf international

2005/09/22 18:21
Pressemeldung von:
DetailWirtschaft

An der Modernisierung der Weinkellereien Mittel- europas haben vor allem italienische und deutsche Unternehmen verdient. Und ein Maschinenbauer aus Niederösterreich.


Man hört Ungarisch, Slowakisch und Slowenisch. Interessiert stecken die Besucher ihre Köpfe in glänzend polierte Stahltanks hinein, lassen sich hoch automatisierte Eichenfass-Waschstraßen erklären oder komplexe Abfüllanlagen, die schon kleineren Brauereien gut anstehen würden. Es ist eine Fachmesse für Weinbautechnologie, Intervitis, die die Stuttgarter Messe nach Wien exportiert hat. Man will hier
die Kunden aus Mittelosteuropa besser erreichen. Aus gutem Grund: Allein Österreichs mittelbare Nachbarmärkte sind nicht zu vernachlässigen, was ihr Potenzial als Weinerzeuger betrifft: Ungarn hat mit 93.000 Hektar beinahe doppelt so viel Rebenfläche wie Österreich, Kroatien ist mit seinen 59.000 Hektar immer noch etwas größer als Wachau, Weinviertel, Südsteiermark und Burgenland zusammen. Und auch die drei kleineren Produzentenländer Slowakei, Tschechien und Slowenien erreichen gemeinsam noch einmal die Fläche der heimischen Winzer. Dabei sind die beiden großen Weinbauländer Rumänien und Bulgarien noch gar nicht mitgezählt.
Mit dem Fall des Kommunismus standen die Winzer und Kellermeister in Mittelosteuropa vor einem Scherbenhaufen. Die gewaltigen Kombinate und Produktionsgenossenschaften, in die man die einstigen Güter und privaten Bauern hineingepresst hatte, waren
technologisch veraltet und hatten sich überdies ganz auf billige und schlechte Massenweine spezialisiert. Die vielen Mini-Winzer hatten für ihre private Ein-Fass-Produktion weder Geld noch einen passenden Maschinenpark. In einigen eng umgrenzten Gebieten mit großer Vergangenheit wurde schnell investiert. Im ostungarischen Tokaj etwa kauften internationale Gruppen aus Spanien, Frankreich und Deutschland schnell die besten Filetstücke aus dem zerschlagenen Weinkombinat heraus und brachten die Qualitätsproduktion mit neuem, importiertem Maschinenpark in Gang. „Die haben Maschinen in den Ländern gekauft, von wo ihre Kellermeister gekommen sind“, weiß Roman Gottschlich, Planer und Projektleiter beim Golser Kellereiausstatter und Anlagenbauer Benczak. „Und die Kellermeister waren Deutsche, Franzosen oder Italiener.“

Nische für Österreich. Für Gottschlich ist der Ostmarkt zwar interessant, und man hat etwa vor kurzem für eine Komplettrenovierung einer Winzergenossenschaft in Aserbaidschan mitgeboten – Projektumfang 300.000 Euro. Spruchreif wird das aber erst im kommenden Jahr. „Wir verkaufen auch die eine oder andere Einzelmaschine“, so Gottschlich, „etwa eine Kistenwaschanlage für die Winzergenossenschaft Villány“, eine kleine, feine Rotweingegend im Süden Ungarns. Aber nachdem die großen Kellereien schon investiert haben, bleiben momentan die kleineren Weinbauern als möglicher Markt übrig, und denen fehlt einfach das Geld. Gottschlich: „Wir arbeiten da nur gegen Vorauskasse.“ Davon, dass dieser Markt anspringen werde, ist man in Gols beim 27-Mann-Anlagenbauer Benczak überzeugt, und auch, dass man sich darum kümmern müsse. Es könne aber noch dauern. Ein anderer kleiner heimischer Maschinenbauer listet ebenfalls die WG Villány als Referenzkunden in seiner Firmenbroschüre auf: Fördertechnik Wildfellner heißt das Unternehmen in Buchkirchen bei Wels, man erzeugt vor allem Spiral-Förderanlagen für die Papier- und Lebensmittelindustrie – und eben auch für den Weinbau. Mit den Stahl-spiralen, die sich in Kunststoffschläuchen oder Metallröhren drehen, werden unter anderem Trauben oder Maische schonend in die Pressen befördert. „Der Markt wird erst kommen“, glaubt Seniorchef Isidor Wildfellner, „wenn dort die Arbeitskraft mehr kostet.“

Gebrauchtmaschinen als Einstieg. Im niederösterreichischen Poysdorf hat ein Maschinenbauer mit einer klugen Strategie auf die Nachbarn jenseits der Grenzen gesetzt und trotzt damit heute den Markteinbrüchen in Österreich und Deutschland. „Allein in Deutschland ist der Umsatz um 40 Prozent zurückgegangen“, erzählt Roland Schmerold, Geschäftsführer des Pressenbauers Wottle in Poysdorf nördlich von Wien. „Aber wir machen heute in Tschechien und in der Slowakei schon 30 Prozent von unserem Umsatz, damit haben wir das kompensieren können und müssen nicht jammern wie viele andere.“ Die Anfänge des Geschäfts in Südmähren (dort konzentriert sich der tschechische Weinbau) und in der Slowakei kamen eher zufällig. Arbeiter aus den beiden Nachbarländern im Poysdorfer Unternehmen waren die ersten – informellen – Vertreter in ihren jeweiligen Heimatdörfern. „Bei uns sind damals gerade besonders viele Gebrauchtmaschinen auf dem Hof gestanden“, so Wottle-Geschäftsführer Schmerold, „die wir von Kunden in Österreich, in Deutschland, in der Schweiz und in Italien haben zurücknehmen müssen.“ Man sei von den Weinbauern in der früheren Tschechoslowakei mit offenen Armen aufgenommen worden.

Dort ähnelt die Struktur auch jener in Österreich – es dominieren nicht die gewaltigen Genossenschaften oder ehemaligen Adelsgüter wie in Ungarn, sondern kleine, unabhängige Betriebe, wohl auch schon die eine oder andere neu gegründete GmbH eines Unternehmers aus einer anderen Branche. Die Niederösterreicher, die sich auf ihrer Website als „einzige Weinpressenbauer Österreichs“ bezeichnen, bearbeiteten den Markt sehr sorgfältig, und es sollte sich auszahlen. Im mährischen Hodonin existiert seit kurzem eine kleine Tochterfirma, eine weitere in der Slowakei ist im Aufbau. „Seit zwei Jahren ernten wir unsere Früchte“, berichtet der Poysdorfer Geschäftsführer. „Von den 30 Prozent Anteil an unserem Gesamtumsatz sind schon zwei Drittel neue Maschinen.“

Erfolgsfaktor Service. Wottle baut pro Jahr mit seinen 39 Mitarbeitern rund 100 Pressen. Damit ist man beinahe auf Augenhöhe mit deutschen Mitbewerbern auf dem Markt, die rund 150 Stück fertigen. Lediglich die französische Firma Bucher baut mit 800 Stück pro Jahr deutlich mehr, liefert aber auch in die großen Märkte der neuen Welt – nach Chile und Südafrika, nach Kalifornien und Australien. Wottle hat nur ein Produkt für den Weltmarkt: Abbeermaschinen, mit denen die Weinbeeren von den Stängeln entfernt werden. „Die brauchen keinen Service“, so Schmerold, „da gibt es nur einen Ein- und Ausschalter.“ Dafür, dass sich Wottle in Tschechien und in der Slowakei gegen die billigere örtliche Konkurrenz durchsetzen konnte, ist vor allem die Serviceleistung verantwortlich. Vor Ort machen einheimische Techniker die Standardwartungen, kompliziertere Probleme werden in der Zentrale in Poysdorf gelöst. Entscheidend ist aber ein anderes Angebot: Während der Lesezeit – zwischen August und Oktober – kennen die Weinviertler kein Wochenende. „Wir haben Samstag und Sonntag offen.“ Zumindest ein Technikerteam ist mit Handy abrufbereit. Innerhalb von zwei bis drei Stunden kann es eine bockige Maschine wieder in Gang setzen, und der Most kommt frisch und sauber in die Tanks.

Autor: Reinhard Engel


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